Wer kennt es nicht? Es gibt Tage, Wochen oder gar Monate, in denen der Diabetes ein Eigenleben zu führen scheint. Egal ob man macht, was man schon immer gemacht hat oder versucht, alles ganz anders zu machen: Nichts scheint die Blutzuckerwerte unter Kontrolle zu bringen.

Unzählige Faktoren beeinflussen die Blutzuckerwerte eines Typ 1-Diabetikers, von Sport und (Arbeits)Stress über Ernährung und Insulindosis, von hormonellen Veränderungen zu Krankheit über Wutausbrüchen und Aufregung.

 

Krankheit als Vollzeitjob
Ein gut eingestellter Diabetes erfordert, dass man all diese Einflussgrössen im (Hinter)Kopf hat und entsprechend Ernst nimmt. Das alleine kann zuweilen bereits eine grosse Belastung für Betroffene sein. Dazu kommt, dass es immer wieder Momente gibt, in denen man zwar alles „richtig“ macht, sein Ziel aber trotzdem nicht erreicht. Immer genau zu wissen, wieso die Werte nicht zufriedenstellend sind ist eine Knacknuss. Doch auch wenn man sich der Ursache bewusst ist muss das nicht heissen, dass die Lösung für sein Unwohlsein leicht zu finden oder herbeizuführen ist. Solche Unklarheiten und Schwierigkeiten können verständlicherweise Frustration und Enttäuschung und gar ein Gefühl von Ohnmacht auslösen. Dies wird verstärkt durch die Tatsache, dass solche (negativen) Gefühle selbst einen Einfluss auf den Blutzucker haben.

honeybee Tipp: Gute und schlechte Tage kennt jede/r – nicht nur DiabetikerInnen. Doch schadet es nicht, sich den hohen Anforderungen, die das Leben mit einer chronischen Krankheit stellt, bewusst zu sein. Jeder Diabetes ist anders, und auch Strategien im Umgang mit Frust sind anders – wichtig ist, seine individuellen Strategien für schlechte Tage zu kennen. Und auch grosszügig zu sein mit sich: Die nächste 5,6 mmol/l  Blutzuckermessung kommt bestimmt.

 

Diabetes-Burnout und Depression
Viele DiabetikerInnen kennen es und Studien haben bestätigt: Die Krankheit ruft zuweilen Besorgnis, Angst und Wut hervor. Stellt man sich diesen negativen Gefühlen nicht aktiv kann es gut sein, dass sich der „Diabetes-Koller“ in ein regelrechtes „Diabetes-Burnout“ entwickelt. Seine Erkrankung ignorieren zu wollen anstatt sie aktiv und beständig in den Alltag einzubauen gehört zu den häufigsten psychologischen Komplikationen des Diabetes. Sich tagelang weder um Insulininjektionen oder Blutzuckermessungen zu kümmern, gesunde Essgewohnheiten einzustellen und körperliche Betätigung zu vermeiden können aber sowohl für das Befinden der Betroffenen im Moment wie auch auf den längerfristigen Verlauf der Erkrankung einen negativen Einfluss haben.

DiabetikerInnen haben ein zweimal höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken und es leiden schätzungsweise rund 10-15 % aller Betroffenen an schweren Depressionen. Ob dieses psychische Leiden nur durch die Diabetes-Erkrankung selbst ausgelöst wird oder auch unabhängig davon bestehen würde ist schwierig zu bestimmen. Es gibt biologische Ähnlichkeiten zwischen den Erkrankungen, denen beiden eine Veränderung im Hormonhaushalt zugrunde liegt. Sicher ist, dass eine erfolgreiche Behandlung der Depression nötig ist, um eine Besserung in der Diabetes-Therapie zu erreichen und stabil zu halten.

Ob Diabetes-Koller, -Burnout oder klinische Depression: Wichtig ist es in allen Fällen, Strategien zu finden, die ein normales, erfüllendes Leben unter dem Einbezug einer chronischen Krankheit wie Diabetes ermöglichen. Dazu ist es wichtig, sich realistische Ziele zu setzen und seine individuellen Ursache-Wirkungsschemen zu kennen.

 

honeybee Tipp: Oftmals helfen bereits kleine Anpassungen um zu vermeiden, dass die Krankheit einen dominiert. So beispielsweise, statt von „schlechten“ Messwerten von „hohen“ oder „tiefen“ Blutzuckerlevels zu sprechen. Zudem sollte man vermeiden, sich über einen zu hohen oder zu tiefen Wert zu ärgern oder gar zu bestrafen. Messwerte sollen einen nicht an „falsche“ Massnahmen in der Vergangenheit erinnern sondern helfen, in der nahen Zukunft aktiv positive Anpassungen vorzunehmen.