Ernährung und Diabetes: Dreisatz vorm Teller

Diabetes und Essgewohnheiten – eine Beziehung mit Konfliktpotenzial. Neben Faktoren wie schwankender Insulinempfindlichkeit, Stressfaktoren, Krankheit oder tageszeitabhängigen hormonellen Schwankungen kann die Nahrungsaufnahme den Blutzuckerspiegel am stärksten durcheinander wirbeln. Kein Wunder, ist für eine stabile Blutzuckereinstellung das Wissen um die Zusammensetzung von Nahrungsmitteln und die Einhaltung von Therapieregeln unumgänglich. Für die Anhänger der ICT-Therapie gilt: Der Dreisatz vorm vollen Teller muss beherrscht werden!

Unter der intensivierten Insulintherapie (ICT) muss der insulinpflichtige Diabetiker die Menge des kurzwirkenden Insulins (Bolus) an die verzehrte Menge Broteinheiten anpassen.

Als Faustregel gilt:

  •  10 g (12 g in Deutschland!) Kohlenhyrate (KH) ≙ 1 Brotheinheit (1 BE)

 

Für die Berechnung der Insulinmenge benötigt man:

  • die Kenntnis von der Zusammensetzung der Nahrungsmittel (wichtiges Hilfsmittel: Nährstofftabellen)
  • das Wissen, wie viele Insulineinheiten (IE) der Körper für den Verzehr einer Broteinheit  (BE) benötigt
  • eine Waage für das Abwiegen der kohlenhydratreichen Beilagen
  • kurzwirkendes Insulin (Apidra, Novorapid u.a.)

 

Vor jeder Nahrungsaufnahme muss der Diabetiker die Kohlenhydratmenge seines Essens ermitteln. Dazu kann er die kohlenhydratreichen Beilagen seines Essens abwiegen oder – falls es die Situation erfordert – einschätzen. Zu den Lebensmitteln, die immer abgewogen werden sollten, gehören zucker- und stärkehaltige Produkte wie Süssspeisen, Teigwaren, Obst, kohlenhydratreiches Gemüse (Kartoffeln, Randen, Mais, Wurzelgemüse), bestimmte Milchprodukte (v.a. Milch und Quark) sowie alle Brotsorten. Ungekochtes Gemüse unter 200g darf bis auf die genannten Ausnahmen vernachlässigt werden. Ebenso Fleisch- und Eiweissbeilagen in moderaten Mengen (Käse, Nüsse e.t.c.).

Die Kohlenhydratmenge der abgewogenen Lebensmittel kann nun mit Hilfe so genannten Nährstoff-Austauschtabellen, auf denen die Kohlenhydratmenge handelsüblicher Lebensmittel aufgeführt ist, in Broteinheiten umgerechnet werden. In der Schweiz und in den meisten Ländern sind die Lebensmittelhersteller zudem verpflichtet, auf den Verpackungen die Nährstoffzusammensetzung tabellarisch aufzuführen.

 

Die richtige Dosis Insulin
Vor jeder Nahrungsaufnahme ist das Messen des Nüchternblutzuckers unumgänglich.  Befindet sich der Nüchternblutzucker im Zielbereich (5.6-6.1 mmol/l), kann die erforderte Insulinmenge mit folgender Formel berechnet werden:

  • BE-Menge x BE-Faktor (Anzahl Insulineinheiten pro BE) = Insulinmenge pro Mahlzeit

Jede Essenszeit dient zudem der Korrektur erhöhter Blutzuckerwerte. Werden die vor dem Essen angestrebten Zielwerte nicht erreicht, kann der Diabetiker zusätzlich zum Essensinsulin über seinen Korrekturfaktor den überhöhten Wert ausgleichen.

Es wird empfohlen zwei Stunden nach der Essensaufnahme seinen Blutzucker nochmals zu überprüfen. Als Faustregel gilt, dass der so genannte „postprandiale“ Blutzucker (lat. für „nach dem Essen“)  nach zwei Stunden unter 7.8 mmol/l liegen sollte. Sollte dies nicht der Fall sein, ist eine abermalige Korrektur durch eine zusätzliche Insulininjektion notwendig.

 

Einschränkungen? – Jein!
Grundsätzlich dürfen Typ 1-Diabetiker – haben sie nicht mit Gewichtsproblemen zu kämpfen – alles essen. Jedoch gilt auch hier: Einige Ernährungsrichtlinien erleichtern das Diabetes-Management ganz erheblich.

Tipps für Profis:

  • Nicht alle Lebensmittel lassen den Blutzucker gleich schnell und gleich hoch ansteigen. Lebensmittel mit einem hohen glykämischen Index (GI) wie Weissmehlprodukte oder Süssgetränke führen zu einer besonders starken (und in einigen Fällen auch schnellen) Erhöhung des Blutzuckers, der sich mit dem kurzwirkenden Insulin nur schwer abfangen lässt. Lebensmittel mit einem GI über 70 sollten von Diabetikern daher gemieden werden. Es wird empfohlen bei Brot auf Vollkornprodukte zurückzugreifen, die einen tieferen glykämischen Index besitzen.  Wer dennoch nicht seinen Pastateller verzichten will, sollte darauf achten, seine Speisen mit fett- und eiweissreichen Beilagen oder ballaststoffreichem Gemüse zu kombinieren. Fett und Eiweiss bremsen die Spaltung des Zuckers erheblich und verhindern gesundheitsgefährdende Blutzuckerspitzen. Haushaltszucker sollte wenn möglich, durch Süssstoffe ersetzt werden. Als natürliche Alternative bietet sich das seit 2011 auch in der EU und der Schweiz als Lebensmittelzusatzstoff zugelassene Stevia-Extrakt an, ein natürlicher Süssstoff, der aus der südamerikanischen Stevia-Pflanze gewonnen wird und den  Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst.

 

honeybee Tipp: Immer öfters wird der „glykämische Index“ (GI) durch die Einheit „glykämische Last“ (GL) ersetzt. Der GL ist alltagstauglicher, weil er anders als der GI neben dem Blutzuckeranstieg , den ein Lebensmittel provoziert, auch die Kohlenhydrat-Dichte berücksichtigt. Beispiel: Rüebli und Baguettebrot besitzen beide einen GI von 70. Um mit Rüebli tatsächlich denselben Blutzuckeranstieg zu erreichen wie mit 100g Baguettebrot, müsste man 700g gekochte Karotten in sich reinstopfen – im Alltag ist der GI deshalb nicht immer so hilfreich, wie man annehmen könnte…

  • Um Blutzuckerspitzen zu vermeiden, sollte auch der Spritz-Ess-Abstand (SEA) berücksichtigt werden. Damit ist der Abstand gemeint, der zwischen der Essensaufnahme und der Insulininjektion liegt. Bei Lebensmitteln mit hohen glykämischem Index sollte das Insulin unmittelbar vor dem Essen gespritzt werden, bei stark eiweiss- und fetthaltigen Lebensmitteln kann es sich lohnen, mit der Injektion 15 Minuten zuzuwarten. Auch hier muss man zumeist selbst eigene Erfahrungen sammeln, wie der Körper auf die Essensaufnahme reagiert.

 

honeybee Tipp: Der Umgang mit Nahrungsmittel ist erlernbar. Wer von seinen Erfahrungen profitieren will, sollte sich notieren, wie er auf einzelne Lebensmittel reagiert. Viele Diabetesberatungsstellen und Praxen bieten Typ 1-Diabetikern zudem Workshops an, in denen der Umgang mit Nahrungsmitteln und das Schätzen der Kohlenhydrate erlernt werden kann.

  • Wer auf Zwischenmahlzeiten nicht verzichten möchte, kann gut auf Gemüse, Fleisch oder Käseprodukte zurückgreifen.

 

honeybee Tipp: Stoffwechsel sind verschieden – nicht jeder reagiert gleich auf Nahrungsmittel. Je nach Einstellung und basaler Grundversorgung muss der eine bereits bei gewissen Gemüsesorten Insulin spritzen, während andere problemlos Milchprodukte wie Quark als oder eiweissreiche Quellen wie Nüsse insulinfrei verträgt. Ach hier gilt: Probieren geht über studieren.

  • Der Faktor für den Verzehr von Broteinheiten schwankt bei den meisten Diabetikern im Tagesverlauf. Nicht selten ist der Bolusfaktor morgens leicht erhöht.
  • Im Krankheitsfall kann sich der Bolusfaktor bis aufs Dreifache erhöhen. Hier sollte man seine Bolusfaktoren unbedingt an die veränderten Bedingungen anpassen. Im Notfall lohnt sich eine Rücksprache mit dem zuständigen Diabetologen!
  • Bei grossen BE-Mengen über 10, wie sie bei einer Pizza nicht selten sind, empfiehlt es sich, die Bolusabgaben auf zwei bis drei Injektionen während des Essens zu verteilen.

 

honeybee Tipp: den letzten Jahren hat sich auch bei einigen Diabetologen die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine kohlenhydratreduzierte Diät, wie sie bereits Typ 2 Diabetikern empfohlen wird, sich positiv auf bei Typ 1 Diabetikern auswirken kann. Je geringer die Kohlenhydrataufnahme, desto geringer die Blutzuckerschwankungen im Tagesverlauf, da unverdaute Kohlenhydrate infolge von Darmmotilitätsstörungen für ungewünschte Blutzuckeranstiege sorgen. Lediglich bei bereits vorhandenen Nierenschäden sollte auf eine stark eiweissreiche Kost verzichtet werden.

  • Finger weg von Diätprodukten. Oftmals stecken in diesen Produkten zugunsten einer positiven Fettbilanz noch mehr Kohlenhydrate als in handelsüblichen Lebensmitteln.
  • Auch Eiweiss und Fett können über einen längeren Zeitraum zu Blutzuckeranstiegen führen. Neuere Ansätze schlagen vor, bei grösseren Eiweiss- und Fettmengen neben den Broteinheiten zusätzliche Insulineinheiten zu berechnen. Für diese so genannten FPE‘s (Fett- und Proteineinheiten) gibt es kompliziertere und weniger kompliziertere Ansätze, die sich nicht eins zu eins auf jeden Mensch übertragen lassen. Grundsätzlich gilt, dass 200 kcal reiner Fett- und Eiweissmenge einer 1 FPE entsprechen, die mit demselben Bolusfaktor abgedeckt werden kann wie eine Broteinheit. Sinnvoll ist es, den Bolus für FPE‘s verzögert abzugeben, da die Resorption von Fett und Eiweiss langsamer erfolgt. Die Fett-Eiweiss-Berechnung stellt jedoch die Königsdisziplin im Diabetesmanagement dar und wird nicht von jedem Diabetologen als Notwendigkeit erachtet. Vor allem für Pumpenträger, die mit zeitverzögerten Bolusabgaben arbeiten können, ist sie eine wertvolle Therapieergänzung. Aber auch für Diabetiker, die sich stark fett- und eiweissreich ernähren, könnte sie interessant sein.

 

honeybee Tipp: Ein lustloser, verkopfter Essensverwerter zu werden, sollte nicht das Ziel sein. Jeder Typ 1 Diabetiker muss für sich selbst das eigene „Mass“ finden, wie stark veränderte Ernährungsgewohnheiten zu seinem Wohlbefinden beitragen. Will heissen: Nicht gleich jeden Geburtstagskuchen von seinem Arbeitskollegen wegschnappen lassen, aber hin und wieder auch mal den Mut finden „Nein“ zu sagen und Dinge auszuprobieren. Wer kreativ mit Kochrezepten umzugehen lernt, findet für sich bald eigene, kohlenhydratreduziertere Varianten, die oftmals genauso gut schmecken und darüber hinaus auch noch gesünder sind. Immerhin fördert die Krankheit einen bewussten Umgang mit Ernährung, den man beim Durchschnitt der Bevölkerung oft vermisst.