Vom Griechen Aretaios von Kappadokien über die Kanadier Banting und Best bis zum Engländer Frederick Sanger – dass man Diabetes mellitus heute behandeln kann, ist der Neugier und dem Forschungselan vieler Wissenschaftler weltweit zu verdanken. Unzählige Menschen haben mit ihren Erkenntnissen (und auch Rückschlägen) dazu beigetragen, dass Diabetes kein Todesurteil mehr ist. Sie alle zu nennen wäre unmöglich – die folgende Übersicht ist also keineswegs vollständig.

 

2. Jahrhundert nach Christus
Obwohl bereits eine ca. 3500 Jahre alte Schriftrolle aus Ägypten Hinweise auf einen Diabetes aufzeigt, ist es der griechische Arzt Aretaios von Kappadokien, welcher die Bezeichnung „Diabetes“ einführt. Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Diabetes in etwa „durchfliessen“. Das Adjektiv „mellitus“ ist Lateinisch und heisst so viel wie „mit Honig versüsst“. Die Bezeichnung „Diabetes mellitus = honigsüsser Durchfluss“ bezieht sich darauf, dass der süssliche Geruch des Urins von Diabetikern als Hauptmerkmal zur Diagnose diente (wenn der Blutzucker chronisch über einem Wert von rund 10 mmol/l liegt versucht der Körper, überschüssigen Zucker durch die Niere und Urin auszuscheiden)

 

16. Jahrhundert
Paracelsus erkennt, dass es sich beim Diabetes um eine Stoffwechselerkrankung handelt als er die These aufstellt, dass „Ablagerungen eines Salzes um die Nieren“  und folglich eine Veränderung in der Zusammensetzung des Blutes Grund für die Symptome sind.

 

17. Jahrhundert
Dem Engländer Thomas Willis fällt als erster westlicher Arzt der süssliche Geruch des Urins von Diabetikern auf. Er beschreibt sowohl eine „heilbare“ wie eine „unheilbare“ Form der Krankheit.

Allerdings gibt es nicht nur immer Forschritte zu verzeichnen: Der Schweizer Arzt Johan Conrad Brunner entfernt die Bauchspeicheldrüse eines Hundes und hälft fest, dass zuerst zwar alle klassischen Symptome des Diabetes auftreten, diese Anzeichen sich jedoch wieder vermindern nach einiger Zeit. Er kam zum Schluss, dass die Bauchspeicheldrüse kein lebenswichtiges Organ sei. Dies ist darauf zurückzuführen, dass er zwar einen Grossteil des Pankreas entfernt hat, sich der Rest des Organs jedoch erholt und die Insulinproduktion wieder aufgenommen hat.

 

18. Jahrhundert
Die britischen Ärzte Matthew Dobson und später Francis Home entwickeln eine Gärungsprobe zum Nachweis von Zucker im Urin (der Zusatz von Hefe zum Urin von Diabetikern bringt den darin enthaltenen Zucker zum Gären).

 

19. Jahrhundert
Der deutsche Pathologe Paul Langerhans untersucht 1869 in seiner Doktorarbeit die Anatomie des Pankreas. Er beschreibt die insulinproduzierenden Zellen, die später nach ihm benannt werden: Die Langerhansschen Inselzellen. Über die Funktion dieser Inselzellen war sich Langerhans selbst jedoch nicht bewusst.

Ende des 19. Jahrhunderts gelingt es dem Strassburger Pharmakologen Joseph Freiherr von Mering und dem Internisten Oskar Minowski schliesslich, den Zusammenhang von Diabetes und der Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse nachzuweisen. Wie Brunner 200 Jahre zuvor entfernten sie den Pankreas eines Hundes – dieses Mal aber vollständig. Das Tier wies alle Symptome eines Diabetes mellitus auf und verstarb nach relativ kurzer Zeit. Ein Untersuch des Hundeurins wies hohe Mengen an Zucker nach. Die Forscher beginnen, an einem „Extrakt“ zu arbeiten, der die Insulinproduktion ersetzen und die Symptome behandeln würde.

 

20. Jahrhundert
Bereits Anfang des letzten Jahrhunderts behandelte der deutsche Internist Georg Ludwig Zülzer seine Patienten mit Injektionen eines „Pankreasextrakts“. Die Blutzuckerwerte sanken, jedoch führten Verunreinigungen des Extrakts zu schweren Komplikationen und die Behandlungsmethode musste aufgegeben werden.

1909 schlägt der Belgier Jean de Meyer die Bezeichnung „Insulin“ für den in der Bauchspeicheldrüse produzierten Stoff vor (von Lateinisch: insula). Er stellte die Vermutung auf, dass es sich dabei um ein Hormon handelt.

1921 kam dann der endgültige Durchbruch: Dem kanadischen Arzt Frederick Grant Banting und seinem Assistenten Charles Best gelang es in Zusammenarbeit mit dem Biochemiker James Collip einen gereinigten Extrakt aus dem Pankreasgewebe herzustellen. Am 11.01.1922 wurde erstmals ein Mensch mit dem neu gewonnen Stoff behandelt – der Blutzuckerspiegel des 13-jährigen Leonard Thompson sank nach der Behandlung sofort. Nach einer weiteren Verbesserung bezüglich der Reinheit des Extrakts sank der Blutzucker auf einen Normalwert. Thompson starb im Alter von 28 Jahren an einer Infektion, die nicht im Zusammenhang mit seiner Diabeteserkrankung stand.

1923 erhielten Banting und MacLeod (der Leiter des Instituts, der Banting sowohl Labor wie auch den Assistenten Best zur Verfügung stellte) den Nobelpreis für Medizin. Banting teilte seinen Preis mit Best, MacLeod folgte seinem Beispiel und teilte seinen Teil mit dem Biochemiker James Collip.

1936 entwickelte Hans Christian Hagedorn das erste Langzeitinsulin als er erkannte, dass Insulin vom Körper verzögert aufgenommen wird, wenn es mit dem Eiweiss Protamin verbunden wird.

1955 gelingt dem englischen Biochemiker Frederick Sanger ein weiterer Durchbruch: Er kann die chemische Struktur des Insulins aufschlüsseln, wofür man auch ihm 1958 den Nobelpreis (in Chemie) zuerkennt. Aufgrund Sanger’s Entdeckung war es möglich, Insulin später auch künstlich herzustellen anstatt aus den Bauchspeicheldrüsen von Tieren zu extrahieren (vor allem Schweineinsulin, da sich dieses nur in einer Aminosäure von Humaninsulin unterscheidet).

In den 1960er und 70er Jahren werden erstmals auch Möglichkeiten zur Blutzuckerselbstbestimmung für PatientInnen entwickelt und auf den Markt gebracht.

1979 gelang es einer Forschergruppe um David Goeddel, durch ein gentechnisches Verfahren Humaninsulin aus Escherichia-Coli Bakterien zu synthetisieren. Die Bakterien werden so „programmiert“, dass sie Humaninsulin produzieren. Ab diesem Moment ist die Gewinnung von Insulin zur Behandlung von Diabetikern nicht mehr von tierischen Bauchspeicheldrüsen abhängig. 1983 wird das so genannte Humaninsulin eingeführt, welches von der chemischen Struktur her identisch ist mit dem körpereigenen Insulin, jedoch verzögert und länger wirkt.

In den 1980er Jahren werden sowohl Insulinpumpen wie auch Insulinpens eingeführt, was die Behandlungs- und Lebensqualität von DiabetikerInnen entscheidend verbessert.

1996 kommt mit der neuen Klasse von künstlich hergestelltem Insulin, den so genannten „Insulinanaloga“, eine Insulinform auf den Markt, die entsprechend (analog) zur Wirkungskurve des vom Körper produzierten Insulins wirkt (also sehr schnell und kurz oder sehr langsam und über lange Zeit). Durch das breite Spektrum an verschiedenen Insulinanaloga mit unterschiedlichen Wirkungskurven kann heute für jeden Patienten individuell eine passende Therapie gefunden werden.